Meldung vom 23.04.2020

Wenn ich fotografieren oder einen Film drehen will ...

Keine Frage, die eine oder andere Regel ist dazu da, gebrochen zu werden, wenn ich aber Regeln brechen will und mich filmisch komplett neu, anders, kreativ austoben will, dann ist es gut, mal von den Regeln gehört zu haben, die ich brechen will. Was ich eigentlich schreiben will: Heute geht es um ein paar hilfreiche Hinweise zu Kameraeinstellungen.

Kameraperspektiven

Als Kameraperspektive bezeichnet man den Blickwinkel, den die Kamera zu dem Darsteller oder dem dargestellten Objekt einnimmt. Die Kameraperspektive kann durch die Höheneinstellung der Kamera variiert werden. Die Perspektivwahl ist sehr oft mit einer subjektiven Wahrnehmung des Abgebildeten verbunden. Schauen wir doch mal, was die Perspektive dem Zuschauer vermitteln kann.

 

Normale Perspektive:


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Die Normalperspektive orientiert sich an der Augenhöhe des Gegenübers. Dem Zuschauer fällt nichts Ungewöhnliches auf, denn die Kamera nimmt eine alltägliche Position ein. Der Zuschauer ist auf gleicher Höhe wie die dargestellten Subjekte/Objekte. Die Normalperspektive wird als wertneutral wahrgenommen und ist somit ideal geeignet für eine objektive Berichterstattung. Aber Achtung: Augenhöhe heißt z.B. bei Kindern oder auch Rollstuhlfahrern die Kamera auf Augenhöhe zu bringen und auch als Gesprächspartner/Interviewer auf dieses Level herunterzukommen. Kleiner Tipp: auch die Darstellung von Tieren ist wesentlich besser, wenn die Kamera sich auf ihre Augenhöhe bewegt.

 

Die Aufsicht:

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Die Aufsicht bezeichnet den Blick der Kamera von oben, oberhalb der Blickachse des Dargestellten. In der Aufsicht kann der Zuschauer einen besseren Überblick über eine Situation bekommen, etwa über eine Großveranstaltung mit vielen Personen. Doch die Aufsicht kann auch dazu dienen, die dargestellte Person hilflos, unterlegen oder harmlos aussehen zu lassen. Die Darsteller oder Objekte wirken kleiner. Abgründe können gewaltiger erscheinen.

 

 

Die Vogelperspektive:

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Die Vogelperspektive ist das Extrem der Aufsicht. Die Kamera befindet sich weit oberhalb der Szene. In dieser Einstellung gewinnt der Zuschauer einen Überblick über die Umgebung des Dargestellten. Zugleich kann sich der Zuschauer von der persönlichen Perspektive lösen und vom Geschehen distanzieren. Die Darsteller bleiben machtlos und unwissend zurück. Im Bereich Naturfilm ist die Vogelperspektive mit Hilfe von Drohnen ein beliebtes Mittel, um die Landschaft in seiner ganzen Schönheit zu zeigen. In Dokumentationen dient sie oft zur Illustration der Gesamtsituation.

 

Die Untersicht:

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Bei der Untersicht befindet sich die Kamera unterhalb der Blickachse des Dargestellten. Die Person oder das Objekt werden durch die Wahl dieser Position imposanter und bedeutender. Der Zuschauer nimmt das Dargestellte als dominant, überlegen und wichtig wahr. Höhen können noch mehr wirken, etwa wenn man die Fassade eines Wolkenkratzers von unten filmt. Chefs nutzen diese Perspektive in Imagefilmen gern, um sich als Führungsperson zu definieren.

 

 

Die Froschperspektive:

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Die Froschperspektive ist die extreme Form der Untersicht. Die Kamera befindet sich hierbei sehr weit unterhalb der Blickachse der Darsteller oder Objekte, also nahe dem Boden. In dieser Einstellung kann die Wirkung der Übergröße des Dargestellten bis ins Lächerliche überzogen sein und somit eine komische Wirkung auf den Zuschauer haben. Doch im Kontext mit der Handlung kann auch hier eine bedrohliche Komponente hineinspielen, wenn man z.B. aus einem Loch heraus filmt.

 

 

 

 

Einstellungsgrößen

Die Einstellungsgröße bezeichnet das Verhältnis der dargestellten Person oder des Objektes zu seiner Umgebung. Je nach gewähltem Verhältnis kann das Dargestellte in der Wichtigkeit betont oder eine Distanz zum Geschehen hergestellt werden.

 

Die Supertotale:

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Die Supertotale oder Weite zeigt eine Landschaft, in der der Mensch nur sehr klein zu sehen ist. Hier wird eine Gesamtübersicht über das Geschehen gegeben. Beim Zuschauer werden dadurch Gefühle wie Einsamkeit oder auch Freiheit vermittelt.

 

 

 

 

 

Die Totale:

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Die Totale dient dazu, den Menschen in seiner Umgebung zu zeigen. Die Landschaft ist dabei Hauptbestandteil des Bildes, doch der Mensch ist in seiner ganzen Größe erkennbar, aber nicht das Wichtigste im Bild. Der Zuschauer bekommt so einen Überblick über die Situation. Die Beziehung zu dem Hauptakteur ist noch nicht sehr intensiv.

 

 

 

Die Halbtotale:

In der Halbtotalen sind die Personen im Fokus der Kamera. Sie werden in ganzer Größe gezeigt. Die Gestik wird wichtig. Bewegungen und Aktionen können in Gänze angeschaut werden. Die Körpersprache wird vermittelt.

 

 

 

 

Die Halbnahe:

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In der Halbnahen wird eine Person in ihrer unmittelbaren Umgebung gezeigt. Dabei sind die Beine oft nicht mehr auf dem Bild. Die Interaktion mit der unmittelbaren Umgebung wird wichtig, Aktionen und Dialoge können gut mitverfolgt werden.

 

 

 

 

Die Nahe:

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Die Nahe ist eine klassische Porträteinstellung und zeigt den Kopf und Oberkörper der Person. In dieser Einstellung wird die Mimik wichtig und dem Zuschauer wird inhaltlich etwas vermittelt. Auch die Blickrichtung kann Hinweise auf den weiteren Handlungsverlauf geben. Eine Sondersituation der Nahen ist eine klassische Nachrichtensendung, hier agiert der Sprecher aber direkt mit der Kamera und damit mit dem Zuschauer. Der Blick in die Kamera wird in Filmdialogen selten genutzt.

 

 

Die Großeinstellung:

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In der Großaufnahme ist das Gesicht der Person das Wichtigste. Hier können sogar Teile des Kopfes (Stirn, Haare, etc.) verzichtbar sein, denn es geht ausschließlich um die Mimik der Person. In dieser Einstellung werden oft Gefühle vermittelt und anhand des Gesichtsausdruckes kann die Handlung illustriert werden.

 

 

 

 

Die Detaileinstellung:

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In der Detaileinstellung wird der Blick des Zuschauers auf eine einzelne Komponente der Gesamtsituation gelenkt. Die Augen des Darstellers etwa, wenn ein intensives Gefühl wie Angst oder Erschrecken einsetzt, können beim Zuschauer ebenfalls intensive Gefühle hervorrufen. Den Fokus auf einen bestimmten Gegenstand zu lenken ist ein Stilmittel, dem Zuschauer exclusives Wissen und Intimität zu vermitteln – ein Glas mit sprudelndem Wasser darzustellen vermittelt dem Zuschauer, dass da etwas nicht stimmt. Warum sollte man sonst das Glas so genau anschauen? Detaileinstellungen wirken immer sehr intensiv und bringen oft die Handlung voran.

Input, Input, Input - hier könnt ihr euer gerade erlerntes Wissen auch nochmal in einem Video ansehen oder auch hier und gleich danach einen kleinen Selbsttest durchführen.

Soviel zu den Regeln - jetzt zu den Regelbrüchen... Jedes Jahr, wenn bei Fernsehen in Schwerin die neuen FSJler an den Start gehen, bekommen sie eine schöne „Spielt-mit-Bildgrößen-und-Perspektiven-Kreativaufgabe“ und das Ganze sieht dann so aus:

oder so

 

 

 

 

 

oder so

 

 

 

 

 

 

Fotos: Hausbesetzer: Niklas Weller; Domino: Hannes Brauer; Chipsbalance: Lukas Brauer

 

Filmisch gibt es zur Kreativperspektive auch einen sehr feinen Beitrag von Julien Bam.


Viel Spaß beim Regeln brechen wünschen Cathleen und Martina


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